24:00 GPS-Position 49°42’N 000°48’E
Samstag, 22.06.96
GPS-Position: 51°20’N 002°23’E. Wir wachen heute zum ersten Mal vor 07:00 Uhr auf. Das liegt insbesondere am starken Seegang, bei Windstärke 5 werden wir in den Kojen ganz schön umhergewälzt. Da die Reise nun fast 15° gegen Osten ging, ist es auch schon wieder eine Stunde früher hell, vielleicht ist sind aber auch so früh auf, weil heute unsere Reise zu Ende sein wird. Bei starker bedrohlicher Bewölkung wühlt der Wind das Meer auf und wir können nun auch noch die Naturgewalten am eigenen Leib verspüren. Auf Grund der Eingewöhnung in den letzten Tagen macht uns die Bewegung des Schiffes nicht so viel aus wie zu befürchten war. Auch das Duschen ist noch relativ problemlos: Mit einer Hand festhalten und der anderen einseifen. Nur das Abtrocknen mit einer freien Hand ist schwieriger als gedacht.
07:30
Der Revierlotse aus Zeebrugge kommt an Bord. Wir folgen einem komplizierten Kurs dem Verlauf der Fahrtrinne. Zeitweise verringern Regenschauer mit böigen Winde die Sicht soweit, daß die nächste Tonne nicht mehr auszumachen ist. Auf der gut beheizten Brücke läßt sich das Wetter jedoch leicht ertragen.
09:20
Lotsenwechsel beim Einfahrt in die Mündung der Schelde. Wir werden jetzt noch mindestens drei Stunden den Windungen des Flusses folgen, bis wir 68 km weiter im Landesinneren Antwerpen erreichen. Trotz des schlechten Wetters mit vielen Schauern sind viele Wassersportler unterwegs. Segelboote tanzen auf den Wellen, kleine Motoryachten, Plattbodensegler und sogar ein restaurierter Rahsegler mit drei Masten begegnen uns. Dazu kommen noch ganze Flotten von Binnenschiffen, die zum Teil in Pulks von bis 10 Schiffen tief im Wasser liegend, kaum durch Wind und Wellen beeinflußt ihren Ziel entgegentuckern.
12:40
Anlegen am Containerterminal, der vorletzten Station unserer Reise. Mit Einfahrt in Antwerpen sind wir jetzt in Belgien, die Westerschelde war bis hierher niederländisches Gebiet. Hier verzögern sich die Arbeiten, daß wir den Delweidehafen vermutlich erst gegen 18:00 Uhr erreichen werden.
16:05
Endlich sind wir fertig und legen ab. Auch für die ca. 800 m lange Fahrt bis zur Zandvliet-Schleuse muß ein Lotse an Bord kommen. Die Schleuse ist mit ihrer
Länge von 500 Metern und einer Breite von 57 Metern die größte der Welt und nimmt bei jedem Durchgang 4 mittlere Seeschiffe auf. Dabei ist noch genügend Platz für ein große Zahl von Binnenschiffen. Müßten wir die Füllung einer
Kammer aus unserer Wasserleitung bezahlen, würde uns das über 2,5 Mio. DM kosten. In der Schleuse erwarten wir die Hafenpolizei, bei denen wir uns abmelden müssen, da der Hafen Antwerpen nicht unter das Schengener Abkommen
fällt. Als bei Ausfahrt immer noch kein Beamter zu sehen ist, erfahren wir, daß diese nun zum Delweidehafen kommen wollen. 17:25
Wir legen das letzte Mal an. Ich gehe zu Fuß bis zum Tor des Hafenbereich, dort wartet unser Sohn Ralph schon seit 15:00 Uhr. Zwischen 18:00 und 18:30 ruht die Arbeit im Hafen und wir können mit dem Auto bis zum Schiff fahren um die Koffer einzuladen. Gemeinsam nehmen wir noch ein letztes Abendbrot ein und Ralph bekommt vom Kapitän noch das Schiff gezeigt. Wir trödeln unbewußt, denn wir wollen uns gar nicht vom Schiff trennen. Als wir über die Leiter auf das E-Deck über die Brücke klettern, fühlt sich Ralph überhaupt nicht mehr wohl: wir sind jetzt etwa 22m Meter über dem Wasserspiegel. Obwohl es uns vor 10 Tagen genauso ging, können wir das heute kaum noch nachempfinden.
Mit dem Mobiltelefon des Agenten ruft der Kapitän noch mal bei der Hafenpolizei an, dort hat man kein Interesse mehr uns zu sehen, ob das wohl an den Viertelfinalspielen der Fußball-Europameisterschaften liegt?
19:30
Nach der Abrechnung unseres Verzehr an Bord und der Telefongespräche verabschieden wir uns von Kapitän und Mannschaft und machen uns auf den Weg nach Hause.
22:00
Wir haben unsere Reise wohlbehalten Zuhause beendet.
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