Donnerstag, 20.06.96

    06:00 GPS-Position: 45°28’N 007°53’W

    12:00 GPS-Position: 46°44’N 006°51’W; beim Aperitif auf der Brücke sehen wir zum ersten Mal eine Schar Tümmler, die das Schiff begleiten und übermütige Sprünge aus dem Wasser machen.

    16:00 Wir werden innerhalb einer halben Stunde von zwei Seeaufklärern vom Typ Breguet Atlantic überflogen. Heute haben wir zu unserem Aufenthalt auf dem Vorderdeck etwas zum Lesen mitgenommen. Obwohl wir immer wieder die Wellen beobachten, sehen wir keine Tümmler mehr. Auf unserem Weg durch die Biskaya haben wir ständig Schiffe vor und hinter uns, derzeit sind 10 Schiffe in Sicht, am Horizont auf der Steuerbordseite können wir gerade noch die endlose Kette der Gegenläufer erkennen. Ich berechne die Flugdauer für eine Überquerung mit einem E-Klasse Flugzeug: der direkte Weg würde ca 2,5 Stunden dauern, bei enger Anlehnung an die Schiffahrtsroute etwa 3,5 Stunden dabei würde im Fall einer Notwasserung immer sofort ein Schiff in der Nähe sein und trotzdem eine Treibstoffreserve von 2 Stunden übrig bleiben.
    Obwohl wegen des Seegangs nun auch Gegenstände vom Tisch fallen, registrieren wir das nur noch, wenn wir bewußt darauf achten. Dabei bedauern wir, daß wir keine Videokamera bei uns haben.

    18:00 GPS-Position: 47°58’N 005°47’W;

    20:30 Bei der Ille d’ Ouessant haben wir wieder Land in Sicht, die Biskaya liegt hinter uns. Wegen des Gezeitenstromes sind wir über eine halbe Stunde vor der von mir errechneten Zeit hier angekommen. An der Strömung um eine Tonne kann man deutlich die Strömungsgeschwindigkeit beobachten. Laut GPS müßte sie so bei 3,5 Knoten (6,5 km/h) liegen.

    24:00 GPS-Position: 49°04’N 004°13’W

    Freitag, 21.06.96

    05:00 Kurswechsel auf 075° bei GPS-Position: 49°49’N 002°53’W

    06:00 GPS-Position: 49°51’N 002°35’W

    06:45 Kurswechsel auf Steuerkurs 097° bei GPS-Position: 49°53’N 002°22’W. Mit diesem Kurs werden wir Le Havre am frühen Nachmittag erreichen.

    08:30 Wir passieren Cap le Hague

    12:00 GPS-Position: 49°39’N 000°38’W

    13:25 Der Lotse kommt an Bord. Die Einfahrt in den Hafen erfolgt über ein lange und enge Fahrtrinne. Gespannt beobachten wir das Passieren von entgegenkommendem Verkehr.

    14:25 Wir legen in Le Havre an. Wegen der großen Entfernung verzichten wir auf den Weg zur Stadt, die uns auch als nicht attraktiv beschrieben wird. Über UKW-Telefon sprechen wir unsere Eintreffzeit in Antwerpen auf unseren Anrufbeantworter zuhause. Heute nachmittag wird uns der deutsche Seemannspastor besuchen und das Abendbrot bei uns einnehmen.

    18:00 Wir legen ab, die Verladung ging schneller als geplant, mit zwei Kränen wird fast jede Minute ein Container bewegt, was ein Unterschied zum Delta-Terminal in Rotterdam! Zum Glück waren wir nicht in der Stadt, da wir eigentlich nicht damit rechneten vor 19:00 fertig zu sein. Wir waren vor dem Ablegen im Maschinenraum und haben uns dort alles zeigen lassen. Obwohl sich seit meiner Lehrzeit viel geändert hat, ist der Maschinenraum immer noch größer, als ich das vermutet hatte. Nach dem Anlassen gehen wir nach oben um das Auslaufen zu beobachten.

19:01 Der Lotse verläßt das Schiff, wir verlassen die Fahrrinne mit Steuerkurs 360° und folgen dem imposanten Bild der von der Abendsonne beschienenen Kreidefelsen, die hier die Küstenlinie bilden. Was ein herrlicher Anblick, wir können uns kaum losreißen. Gleichzeitig beeindruckt uns die hohe Population an Seevögeln in diesem Gebiet. Verschiedene Enten- und Gänsearten fliegen und schwimmen um uns herum, unzählige Möwen schwimmen auf dem Wasser, das sich hier wie ein blauer Teppich mit weißen Tupfen zeigt. Besonders angetan haben es uns aber die Kormorane. Diese eleganten Flieger, die pfeilschnell nach Fischen tauchen beanspruchen lange Zeit unsere Aufmerksamkeit. Erst nach langer Beobachtung stellen wir fest, daß uns auch ein Schwarm von ca. 20 Kormoranen folgt und dabei im Zick-Zack-Muster das Schraubenwasser nach Fischen absucht. Doch keinen hiervon können wir beim Abtauchen beobachten, einer nach dem anderen gibt die Suche auf und fliegt mühelos an uns vorbei um vor dem Schiff weiter nach Nahrung zu suchen. Manche kommen so nahe ans uns vorbei, daß man sie fast greifen kann; ein unvergeßlicher Anblick dieser stolzen Kreaturen.

    24:00 GPS-Position 49°42’N 000°48’E

   Samstag, 22.06.96

    06:00 GPS-Position: 51°20’N 002°23’E. Wir wachen heute zum ersten Mal vor 07:00 Uhr auf. Das liegt insbesondere am starken Seegang, bei Windstärke 5 werden wir in den Kojen ganz schön umhergewälzt. Da die Reise nun fast 15° gegen Osten ging, ist es auch schon wieder eine Stunde früher hell, vielleicht ist sind aber auch so früh auf, weil heute unsere Reise zu Ende sein wird. Bei starker bedrohlicher Bewölkung wühlt der Wind das Meer auf und wir können nun auch noch die Naturgewalten am eigenen Leib verspüren. Auf Grund der Eingewöhnung in den letzten Tagen macht uns die Bewegung des Schiffes nicht so viel aus wie zu befürchten war. Auch das Duschen ist noch relativ problemlos: Mit einer Hand festhalten und der anderen einseifen. Nur das Abtrocknen mit einer freien Hand ist schwieriger als gedacht.

    07:30 Der Revierlotse aus Zeebrugge kommt an Bord. Wir folgen einem komplizierten Kurs dem Verlauf der Fahrtrinne. Zeitweise verringern Regenschauer mit böigen Winde die Sicht soweit, daß die nächste Tonne nicht mehr auszumachen ist. Auf der gut beheizten Brücke läßt sich das Wetter jedoch leicht ertragen.

    09:20 Lotsenwechsel beim Einfahrt in die Mündung der Schelde. Wir werden jetzt noch mindestens drei Stunden den Windungen des Flusses folgen, bis wir 68 km weiter im Landesinneren Antwerpen erreichen. Trotz des schlechten Wetters mit vielen Schauern sind viele Wassersportler unterwegs. Segelboote tanzen auf den Wellen, kleine Motoryachten, Plattbodensegler und sogar ein restaurierter Rahsegler mit drei Masten begegnen uns. Dazu kommen noch ganze Flotten von Binnenschiffen, die zum Teil in Pulks von bis 10 Schiffen tief im Wasser liegend, kaum durch Wind und Wellen beeinflußt ihren Ziel entgegentuckern.

    12:40 Anlegen am Containerterminal, der vorletzten Station unserer Reise. Mit Einfahrt in Antwerpen sind wir jetzt in Belgien, die Westerschelde war bis hierher niederländisches Gebiet. Hier verzögern sich die Arbeiten, daß wir den Delweidehafen vermutlich erst gegen 18:00 Uhr erreichen werden.

    16:05 Endlich sind wir fertig und legen ab. Auch für die ca. 800 m lange Fahrt bis zur Zandvliet-Schleuse muß ein Lotse an Bord kommen. Die Schleuse ist mit ihrer Länge von 500 Metern und einer Breite von 57 Metern die größte der Welt und nimmt bei jedem Durchgang 4 mittlere Seeschiffe auf. Dabei ist noch genügend Platz für ein große Zahl von Binnenschiffen. Müßten wir die Füllung einer Kammer aus unserer Wasserleitung bezahlen, würde uns das über 2,5 Mio. DM kosten.
    In der Schleuse erwarten wir die Hafenpolizei, bei denen wir uns abmelden müssen, da der Hafen Antwerpen nicht unter das Schengener Abkommen fällt. Als bei Ausfahrt immer noch kein Beamter zu sehen ist, erfahren wir, daß diese nun zum Delweidehafen kommen wollen.

    17:25 Wir legen das letzte Mal an. Ich gehe zu Fuß bis zum Tor des Hafenbereich, dort wartet unser Sohn Ralph schon seit 15:00 Uhr. Zwischen 18:00 und 18:30 ruht die Arbeit im Hafen und wir können mit dem Auto bis zum Schiff fahren um die Koffer einzuladen. Gemeinsam nehmen wir noch ein letztes Abendbrot ein und Ralph bekommt vom Kapitän noch das Schiff gezeigt. Wir trödeln unbewußt, denn wir wollen uns gar nicht vom Schiff trennen. Als wir über die Leiter auf das E-Deck über die Brücke klettern, fühlt sich Ralph überhaupt nicht mehr wohl: wir sind jetzt etwa 22m Meter über dem Wasserspiegel. Obwohl es uns vor 10 Tagen genauso ging, können wir das heute kaum noch nachempfinden.
    Mit dem Mobiltelefon des Agenten ruft der Kapitän noch mal bei der Hafenpolizei an, dort hat man kein Interesse mehr uns zu sehen, ob das wohl an den Viertelfinalspielen der Fußball-Europameisterschaften liegt?

    19:30 Nach der Abrechnung unseres Verzehr an Bord und der Telefongespräche verabschieden wir uns von Kapitän und Mannschaft und machen uns auf den Weg nach Hause.

    22:00 Wir haben unsere Reise wohlbehalten Zuhause beendet.

 

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