Mittwoch, 12.06.96

    08:30 Abfahrt mit dem Mietwagen von Witterschlick (bei Bonn) nach Rotterdam. Wir sollen um 13:00 am Schiff sein.

    11:00 Wir verlassen die Autobahn um durch die Stadt zum Mervehaven zu finden. Das Prospekt des Fremdenverkehrsamtes hilft uns bis in die Nähe des Hafens, eine Plankopie des Reisebüros für den Rest. Sehr schnell erkennen wir die Aufschrift "Uniport" auf den großen Kränen.

    11:30 Wir haben den Uniport im Mervehaven erreicht, das Gelände liegt tot und verlassen vor uns. Arbeiter bestätigen unsere Vermutung: Hier wird lange Zeit kein Schiff mehr anlegen. Zum Glück hat unser Fahrer ein Mobiltelefon mit, doch die im Beförderungsvertrag aufgeführte Rufnummer des Agenten ist auch falsch. Erst ein Anruf bei Uniport hilft uns weiter: die Firma befindet sich jetzt im Waalhaven. Das Schiff wird gegen 17:00 erwartet, wir nutzen die Zeit zunächst, um noch im Mervehaven in einer Frittenbude einen Kaffee zu trinken (und natürlich ein Haaringsbrotje zu essen).

    12:15 Eine Polizeistreife erklärt uns den Weg zum Waalhaven, da unsere Karten die wichtigsten Wegstrecken nicht enthalten. Auf dem Weg stellen wir verblüfft fest, wie sehr detailliert uns die Angaben zum Ziel führen; die Anzahl der Ampeln und Seitenstraßen - alles stimmt.

    13:15 Nachdem wir jetzt sicher am richtigen Ort sind, läßt unser Fahrer uns nun allein. Unser Gepäck können wir im Büro der Stauerei abstellen, das Schiff hat sich um 13:00 beim Lotsen gemeldet und wird nun zwischen 15:30 und 16:00 am Liegeplatz erwartet. Wir unternehmen noch einen kleinen Spaziergang im Hafenbereich, kaufen eine Kleinigkeit ein und trinken noch einen Kaffee.

    15:00 Wir sind wieder zurück und wollen die Ankunft des Schiffes beobachten. Dabei stellen wir fest, daß die HMS GOODWILL schon festgemacht hat. Kein Mensch ist zu sehen, über die steile, schmale Gangway klettere ich an Bord. Über vier Stockwerke gelange ich bis hoch in die schwindelnde Höhe der Brücke. Dem Wachhabenden erkläre ich, daß wir noch unser Gepäck holen wollen und in einer halben Stunde an Bord kommen können.

    Trotz der Rollenkoffer wird der Weg vom Büro zum Schiff ganz schön lange. Jetzt sind auch schon mehr Mitglieder der Mannschaft da, die uns bereitwillig helfen, unsere Sachen in die Kabine zu bringen. Der Kapitän, Herr Wille, gibt uns noch ein paar Unterlagen zur Unterschrift und einige Verhaltensregeln für das Leben an Bord. Die Orientierung ist leichter als gedacht: Eine steile Wendeltreppe im Inneren und eine Treppe im Freien verbindet die 5 Ebenen des Schiffes. Ganz unten ist die Bordküche und die Offiziers- und Mannschaftsmesse, ganz oben ist die Brücke - das war’s!
    Wir haben die Eignerkabine direkt unter der Brücke, die die Hälfte des Decks einnimmt, die zweite Hälfte dieses Decks bewohnt der Kapitän. An Bord ist außer dem Kapitän nur noch der Maschinist aus Deutschland. Außer dem 2. Offizier, der aus Ägypten kommt, sind die übrigen 8 Besatzungsmitglieder Filipinos.

    16:00 Die ersten Fotos vom Schiff sind gemacht, die Entladung der Container hat begonnen. Vermutlich werden wir in der Nacht gegen 03:00 zu einem anderen Hafenteil verholen und im Laufe des nächsten Tages noch mal, bis wir dann am 13.06.96 gegen 16:00 unsere Reise endgültig beginnen.

    17:30 Die erste Mahlzeit an Bord: normales deutsches Abendbrot. Wir leben uns schnell ein, am Tisch ist der Kapitän, der Maschinist und Adel Ali, der 2. Offizier. Gegen Ende kommt noch die Tochter des Kapitäns, die diese Reise auch noch mitmacht, da ihr Vater in vier Wochen in Pension gehen will.

    22:30 Wir haben uns eingerichtet, uns umgesehen und waren noch einige Zeit an Land. Jetzt ist es Zeit für die erste Nacht in der Koje. Bisher haben wir die kleinste Bewegung des Schiffes argwöhnisch registriert. Was wird uns morgen erwarten?

  Donnerstag, 13.06.96

    04:00 Wir legen ab, gespannt verfolge ich unsere erste kurze Fahrt, doch schon bevor wir unser Ziel erreicht haben, bin ich wieder zurück im Bett.

    07:15 Wir stehen spät auf, es reicht gerade noch zum Anziehen, und dann geht’s zum Frühstück. Wir liegen nun im Alexanderhaven in der Nähe einer Autobahn.

    09:30 Weiter geht die Fahrt, jetzt verlassen wir Rotterdam und fahren bis fast zur offenen See. Als wir gerade zur Überzeugung kommen, doch nicht mehr anzulegen, wird der Kurs geändert und wir laufen gegen 11:30 eine ganz moderne Anlage an. Erst vor wenigen Jahren dem Meer abgerungen, läuft hier innerhalb des größten Hafenbereich alles wie von Geisterhand gelenkt: Die Container werden computergesteuert auf automatische Wagen gesetzt, die über Leiterschleifen ihren Weg bis zum Schiff finden. Nur noch das Beladen des Schiffes bedarf der menschlichen Hilfe.

    12:00 Der Kapitän ruft uns auf ein Glas Wein auf die Brücke, diese Zeremonie wird von nun an vor jedem Mittagsmahl ein fester Bestandteil unserer Tagesordnung.

    18:45 Wir können wieder ablegen. Das Beladen erschien uns wie Sabotage, so schlecht kann ein Kranführer doch gar nicht sein. Ohne erschwerende Einflüsse werden 6-8 Versuche benötigt, bis ein Container auf seinem Platz sitzt. Wir wagen uns jetzt auch auf die Brücke und können alles genau beobachten. Am Horizont erkennen wir Scheveningen

    19:30 Nach Erreichen der See wird der Lotse von einem Boot abgeholt. Dieses fährt mehrere Schiffe, die zu selben Zeit die See erreicht haben, an und pickt die Lotsen auf. Die See ist sehr ruhig und das Schiff bewegt sich kaum: werden wir jetzt bald seekrank??

    20:00 GPS-Position: 52°03’N 003°48’E

    20:30 Wir schlafen beim Lesen ein und wechseln bald in die Koje. Ich schätze die Fahrtzeit bis zum Kanal, weil ich den Verkehr auf dieser Wasserstraße nicht verpassen möchte.

    24:00 GPS-Position: 51°42’N 002°23’E

   Freitag, 14.06.96

    06:00 GPS-Position: 50°45’N 000°23’E

    06:30 Wir haben hervorragend geschlafen. Beim Besuch auf der Brücke erkennen wir die englische Küste. Wir glauben, die Kreidefelsen von Dover vor uns zu sehen, doch es ist die Küste bei "Beachy Head". Unser Steuerkurs beträgt 253°.

    12:00 GPS-Position: 50°33’N 000°09’E

    16:00 Kurswechsel auf 231° in der Nähe von Guernsey. Wir waren lange auf der Brücke oder lagen auf dem Brückendeck in der Sonne. Obwohl jetzt kein Land mehr zu sehen ist haben wir bisher immer mindestens 3, meist bis zu 10 Schiffe in Sichtweite. Es war doch gut ein Fernglas mitzunehmen.

    18:00 GPS-Position: 49°45’N 003°22’W

    24:00 GPS-Position: 48°52’N 005°07’W

   Samstag, 15.06.96

    01:00 Kurswechsel auf 210° bei GPS-Position: 48°42’N 005°24’W

    06:00 GPS-Position: 47°45’N 006°37’W

    12:00 GPS-Position: 46°30’N 007°18’W. Wir sind jetzt in der Biskaya, der Seegang hat sich verstärkt. Bei Stehen und Laufen schwanken wir teilweise erheblich und müssen uns festhalten. Auf der Brücke beobachten wir das Rollen durch die seitlichen Fenster. Dort wechselt die Sicht von "nur Himmel" bis "nur See", wobei die Amplituden deutlich weiter gehen als nur die obere bzw. untere Fensterkante unter/über die Horizontlinie zu bringen. Erstaunlicher weise sind alle Bewegungen des Schiffes in der Koje fast weg. Obwohl der Körper zu den tieferen Richtungen gezogen wird, ist das nicht so stark, daß das Wohlbefinden oder der Schlaf dadurch gestört würde.
    Wir gehen auch regelmäßig nach vorne zum Bug und uns dort den Wind um die Nase wehen zu lassen und das Spiel der Wellen zu beobachten. Der Tropfenbug läuft knapp unter der Wasseroberfläche und ist im laren Wasser gut zu erkennen. Manchmal taucht er aus dem Wasser und wirft dabei eine schäumende Halbkugel aus Wasser hoch, in der bei richtiger Position ein prächtiger Regenbogen aufleuchtet

    18:00 GPS-Position: 45°18’N 008°20’W

    18:30 Die Mannschaft feiert eine kleine Party auf dem Poop-Deck. Wir unterhalten uns gut und trinken eine Menge Bier. Die leeren Flaschen gehen dabei immer über Bord. Vielleicht kann man ihnen später als Seestraßmarkierungen folgen.
    Später kommen noch vier Tauben erschöpft an Bord. Wir können uns nicht vorstellen, woher die kommen, doch die Mannschaft hat das schon öfter erlebt. Es sind Brieftauben, die nun vermutlich bis zum nächsten Hafen mit uns reisen werden.

    24:00 GPS-Position: 44°04’N 009°16’W

   Sonntag, 16.06.96

    04:00 Kurswechsel auf 179° bei GPS-Position: 43°16’N 009°37’W

    06:30 GPS-Position: 42°44’N 009°55’W

    08:00 Heute liegt starker Dunst über dem Wasser. Bei 8/8 Bedeckung beträgt die Sicht nur etwa 2 Seemeilen. Der Wind hat nachgelassen und die See ist wieder ganz ruhig

    12:00 GPS-Position: 41°25’N 009°53’W. Bei den Felsen von Farilhao Grande haben wir das erste Mal seit der Ausfahrt aus dem Kanal wieder Land in Sicht. Die Felsen wirken auf den ersten Blick unbewohnt, nur beim Leuchtturm auf ist ein hohes Gebäude erkennbar, das sich wie ein Adlerhorst an den Fels schmiegt. Später erkennen wir auf der Isola da Berlinga einen weiteren hohen Turm mit Gebäuden umgeben. Was uns wie ein Kloster erscheint, soll früher mal ein Gefängnis gewesen sein.

    18:00 GPS-Position: 39°59’N 009°44’W

    20:00 GPS-Position: 39°32’N 009°37’W

    22:35 Wir umrunden Cabo da Roca und Cabo Raso und fahren in die Mündung des Tejo ein. Von nun an werden wir bis zum Anlegen in Lissabon auf der Brücke bleiben und jedes Licht, jede Landmarke beobachten. Romantische ziehen die Lichter der Küstenorte in dieser lauen Nachte an uns vorbei. Die Tauben sind immer noch an Bord, dankbar trinken sie das von uns angebotene Frischwasser und beanspruchen einen Platz in warmen Innern des Schiffes. Eine hat sich die Brücke zu ihrem Aufenthaltsort gewählt und fühlt sich hier offensichtlich auch ganz wohl.

    00:30 Der Lotse kommt an Bord, bald passieren wir den Turm von Belem und fahren unter der 2,3 km langen Hängebrücke, die die Ufer des Tejo verbindet durch. Lange vorher haben wir bereits die beleuchtete Christusstatue auf dem hohen Sockel am rechten Ende der Brücke erkannt. Kurz vor unserem Liegeplatz hat die AIDA auf ihrer Jungfernfahrt angelegt. Trotz der imposanten Größe dieses schwimmenden Luxushotels möchten wir nicht mit diesen Passagieren tauschen. Wer von denen konnte denn auf der Brücke das nächtliche Einlaufen miterleben?

    01:20 Wir haben am Apolonia-Kai festgemacht, für die Besatzung ist noch viel zu tun, aber wir können in die Kojen.

 

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